Neues aus der MS-Forschung, 28.07.2020

Die Medical Tribune berichtet unter der Überschrift „Benige Multiple Sklerose häufiger als gedacht“ von einem Vortrag von Prof. Limmroth vom Klinikum Köln-Mehrheim.[1]Maronde, Birgit: Benigne Multiple Sklerose häufiger als gedacht, in: Medical Tribune … Weiterlesen Prof. Limmroth bezieht sich auf eine, im Januar diesen Jahres, veröffentlichte 30-Jahres-Auswertung einer britischen Langzeitstudie von Patienten, die mit einem Klinisch isolierten Syndrom (CIS) vor dieser langen Zeit diagnostiziert worden sind.[2]KK Chung et al.: A 30-Year Clinical and Magnetic Resonance Imaging Observational Study of Multiple Sclerosis and Clinically Isolated Syndromes, in: Annals of Neurology, Januar 2020; 87(1): 63–74. Unter einem CIS versteht man die wahrscheinliche Erstmanifestation einer Multiplen Sklerose, die aber die Diagnosekriterien für MS nicht vollständig erfüllt. Bei einem Teil dieser Patienten entwickelt sich später eine MS, bei einem Teil aber auch nicht. Eine Schwierigkeit bei solchen Auswertungen über lange Zeiträume ist grundsätzlich, dass sich seither vieles in der Medizin geändert haben kann. Speziell bei MS gelten heutzutage andere Diagnosekriterien, und auch die Qualität der MRT-Untersuchungen, die einen wesentlichen Bestandteil der Diagnostik ausmachen, hat sich erheblich verbessert. Von daher sind bei den „alten“ CIS-Patienten auch solche dabei, die heute schon eine MS-Diagnose bekommen würden.

In dieser Studie konnten letztendlich die Daten von 120 Patienten ausgewertet werden. Von diesen hatten 40 Patienten, also ein Drittel, keine MS entwickelt. 80 Patienten, zwei Drittel, hatten im Laufe der Jahre die MS-Kriterien erfüllt. Von diesen MS-Betroffenen wiederum hatten 32 (42%) eine schubförmig-remittierende MS (RRMS) mit einem niedrigen Behinderungsgrad (EDSS unter 4, also voll gehfähig), und 3 (4%) mit einer stärkeren Behinderung (EDSS ab 4), 26 (34%) hatten eine sekundär progrediente MS (SPMS) entwickelt, und 16 (20%) waren an den Folgen ihrer MS verstorben. Diese Auswertung hat also gezeigt, dass ein Drittel der CIS-Patienten gar keine MS entwickelt hat, und von denen mit MS wieder ein Drittel keine schwere Behinderung bekommen hat. Und so kommt Prof. Limmroth zu dem erfreulichen Schluss, dass eine Immuntherapie bei CIS kein Automatismus sein sollte.

Wir kämen möglicherweise noch zu einem weitergehenden Schluss:

Da es hier um die „alten“ CIS-Patienten geht, von denen viele nach heutigen Diagnosekriterien nicht als CIS, sondern bereits als MS diagnostiziert werden würden, sollte vielleicht bei MS-Diagnosen nach dem ersten Schub die Einleitung einer Immuntherapie generell kein Automatismus sein. Die hier beschriebene Studie hat nämlich nur ein paar wenige Faktoren identifizieren können, die schon früh für die Entwicklung einer höhergradigen Behinderung im langfristigen Verlauf sprechen, und das sind Herdbefunde in bestimmten ungünstigen und untypischen Lokalisationen. Man könnte also so vorgehen, erst einmal nur den Betroffenen mit diesen Risikofaktoren eine Immuntherapie anzuraten, und den anderen ein abwartendes Vorgehen vorzuschlagen.

Quellen

1 Maronde, Birgit: Benigne Multiple Sklerose häufiger als gedacht, in: Medical Tribune online, https://www.medical-tribune.de/medizin-und-forschung/artikel/benigne-multiple-sklerose-haeufiger-als-gedacht/ (28.07.2020
2 KK Chung et al.: A 30-Year Clinical and Magnetic Resonance Imaging Observational Study of Multiple Sclerosis and Clinically Isolated Syndromes, in: Annals of Neurology, Januar 2020; 87(1): 63–74.

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