Schlagwort: Impfung

Neues aus der MS-Forschung, 11.01.2021

„Biontech arbeitet an mRNA-Impfstoff gegen Multiple Sklerose“ [1]SWR aktuell: „Erfolgreicher Test an Mäusen. Biontech arbeitet an mRNA-Impfstoff gegen Multiple … Weiterlesen So oder so ähnlich übertitelt erschienen gerade zahlreiche Meldungen im Internet, kaum war eine entsprechende Publikation Mainzer Grundlagenforscher erschienen.[2]C. Krienke et al., A noninflammatory mRNA vaccine for treatment of experimental autoimmune
encephalomyelitis. Science 08 Jan 2021: Vol. 371, Issue 6525, pp. 145-153
Die Methodik der mRNA-Impfmethodik, die durch die Corona-Pandemie einen großen Auftrieb erlebt hat und an der zuvor aber schon jahrelang gearbeitet wurde, wird vom Unternehmen Biontech zusammen mit verschiedenen Mainzer Arbeitsgruppen auch für den Einsatz bei Multiple Sklerose untersucht. Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig, gegen eine Autoimmunerkrankung zu impfen, geht es bei einer Impfung doch normalerweise darum, das Immunsystem gegen etwas Fremdes in Stellung zu bringen, während zur Behandlung der MS ein Weg gesucht wird, das eigene Immunsystem zu dämpfen. Wie wir gerade in einem ZIMS-Artikel zur Corona-Pandemie erklärt haben, besteht mit der mRNA-Technologie die Möglichkeit, den Körper dazu zu bringen, jedes gewünschte Protein selbst herzustellen und mit dem Immunsystem in Kontakt zu bringen. Die Mainzer Forscher sind auf die Idee gekommen, eine mRNA für Bestandteile des Myelins zu konstruieren, die im Mausmodell eine Autoimmunkrankheit gegen das Nervengewebe auslösen, aber die mRNA vorher so zu verändern, dass das resultierende Protein keine Entzündungsreaktion, sondern im Gegenteil eine Immuntoleranz erzeugt.

Die Methodik dahinter ist kompliziert und birgt eine Reihe von Fallstricken. Zunächst haben die Wissenschaftler deshalb überprüft, ob die veränderte mRNA denn tatsächlich auch keine Entzündungsreaktion auslöst. Dann haben sie ausgeschlossen, dass die veränderte mRNA die normalen Aufgaben des Immunsystems unterbinden könnte. Im nächsten Schritt konnten sie zeigen, dass im Mausmodell der MS durch die mRNA-Impfung des veränderten Myelinproteins tatsächlich der Ausbruch der Erkrankung verhindert werden konnte, und sogar nach Einsetzen der Symptome bei den Mäusen noch ein Stillstand oder sogar eine Symptomrückbildung erzeugt wurde. Nun ist die „Maus-MS“ natürlich gar keine MS, sondern eine experimentell erzeugte Krankheit, bei der man mittels eines Myelinbestandteils die Mäuse absichtlich gegen das eigene Myelin immunisiert hat. Es gibt nicht nur ein Maus-Modell, sondern mehrere, bei denen unterschiedliche Myelinbestandteile zur Autoimmunisierung verwendet wurden, und es gibt Mausmodelle, bei denen eine Mischung von mehreren Myelinbausteinen auf einmal zur Immunisierung verwendet wurde. Ein Charakteristikum des Immunsystems bei Immunreaktionen ist, dass das Immunsystems viele zusätzliche Immunzellen zur Entzündungsreaktion hinzuruft, die ursprünglich gar nicht beteiligt waren, so genannte „Bystander“. Bei Menschen mit MS ist, anders als bei den Mäusen, nicht klar, welcher Bestandteil eigentlich der ursprüngliche Auslöser der Immunreaktion ist, es ist grundsätzlich immer ein Immunzell-Cocktail gegen verschiedene Nervenzellbestandteile aktiviert. Es wäre also wichtig, dass die mittels mRNA-Methodik erzeugte Immuntoleranz sich ebenfalls auf die „Bystander“ erstreckte. Und tatsächlich schien es im Mausmodell so zu sein, dass man mit der Impfung gegen einen Myelinbestandteil auch eine Immuntoleranz gegen einen anderen Myelinbestandteil erzeugen konnte.

Wie gesagt, das gilt alles für die Maus. Im Menschen ist die Lage komplizierter, und doch haben wir hier endlich mal einen fundamental anderen, und wesentlich spezifischeren Ansatz, Entzündungsreaktionen gegen das eigene Nervengewebe vorzubeugen, der hoffentlich auch am Menschen weiterverfolgt werden kann. Interessanterweise hat sich das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) schon am Tag der Veröffentlichung in einer eigenen Pressemitteilung dazu skeptisch geäußert, und betont, dass die Studienergebnisse nicht auf den Menschen übertragbar seien und vor Risiken, insbesondere einer versehentlichen Aktivierung des Immunsystems, gewarnt.[3]Stellungnahme des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS): „Neue Technik der mRNA Vakzinierung, die gegenwärtig so erfolgreich als COVID Impfung eingesetzt wird, ist nicht ohne weiteres auf … Weiterlesen Eine interessante Zurückhaltung vor dem Hintergrund, dass alle bisher verfügbaren Immuntherapien am Mausmodell der MS entwickelt wurden und dass die gegenwärtigen Sprecher des KKNMS renommierte Grundlagenforscher sind, die oft genug selbst frühzeitig ihre eigenen Ergebnisse verkünden. Man könnte spekulieren, es läge daran, dass sie nicht an der Forschungsarbeit beteiligt waren, und dass ein etwaiger Erfolg der mRNA-Technologie das ganze bisherige Immuntherapiekonzept der MS über den Haufen werfen würde.

Jutta Scheiderbauer

Quellen

1 SWR aktuell: „Erfolgreicher Test an Mäusen. Biontech arbeitet an mRNA-Impfstoff gegen Multiple Sklerose“,in:https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/mainz/biontech-impfstoff-multiple-sklerose-100.html, 08.01.2021 [10.01.2021].
2 C. Krienke et al., A noninflammatory mRNA vaccine for treatment of experimental autoimmune
encephalomyelitis. Science 08 Jan 2021: Vol. 371, Issue 6525, pp. 145-153
3 Stellungnahme des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS): „Neue Technik der mRNA Vakzinierung, die gegenwärtig so erfolgreich als COVID Impfung eingesetzt wird, ist nicht ohne weiteres auf Erkrankungen wie die Multiple Sklerose übertragbar“, in: https://idw-online.de/de/attachmentdata85493.pdf, 08.01.2021 [10.01.2021].

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