Worum wir streiten VI

Wir haben, wenn wir uns MS-Betroffene vorstellen, oft ein bestimmtes Bild vor Augen: demnach ist das Leben mit MS eine finanzielle und persönliche Mammutaufgabe. Aber rein statistisch kann die Diagnose MS natürlich auch Menschen treffen, die keine Geldsorgen haben und gut versorgt sind. Ausgelöst durch das Buch „Frau C. hat MS“ (siehe Rezension) haben wir uns die Frage gestellt: können „privilegierte“ MS-Betroffene, indem sie über ihre Erfahrungen mit der MS berichten, zu mehr Aufmerksamkeit für das Thema MS in ihrer gesellschaftlichen Schicht beitragen und sogar Veränderungen hin zu mehr Inklusion anstoßen? Christiane Jung und Nathalie Beßler streiten.

Nathalie Beßler:
Man weiß nicht, welche Inklusionsprojekte der Schlagersänger Howard Carpendale heimlich fördert, denn er spricht in der Öffentlichkeit nicht über seine MS. Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer spricht nicht viel über ihre Erkrankung. Von ihr weiß man allerdings, dass ihr gesellschaftliches Engagement in Sachen MS überschaubar ist, wenn man bedenkt, was sie aus ihrer Position vielleicht alles anstoßen könnte. Wenn finanziell privilegierte Menschen von ihrer MS berichten, vermitteln sie damit zwar erst einmal das Gefühl, dass es tatsächlich jeden treffen kann, aber die Solidarität der anderen endet, wenn diese Betroffenen dann nur davon berichten, welche gute medizinische Versorgung und welche teuren Hilfsmittel ihnen zur Verfügung stehen.  Wenn Claudia Hontschik, die Autorin von „Frau C. hat MS“, in ihrem Buch wütend die fehlende Barrierefreiheit in Frankfurts Museen und Restaurants und auf den Straßen anprangert, wird das vermutlich ohne Wirkung bleiben. Denn im Gegensatz zu ihr fehlt es den Kommunen schlicht an Geld, um überall Rampen, automatisch öffnende Türen und angemessen ausgestattete barrierefreie Toiletten anzuschaffen, und es fehlt an politischem Druck, solche Forderungen auch überall durchzusetzen. Frau Hontschik lässt in ihrem Buch nicht durchblicken, dass sie das weiß. Und sie hat ja auch nur die Bereiche im Blick, die für ihr Leben wichtig sind. Wie es mit der Barrierefreiheit an Bushaltestellen, in Supermärkten oder Arztpraxen aussieht, interessiert sie gar nicht. Solange sie ihr Leben so arrangiert, dass sie, wie sie es beschreibt, eben nur dort hingeht, wo sie barrierefreien Strukturen vorfindet, hat sie keine Forderung formuliert und wird nichts zu mehr Inklusion beitragen.

Christiane Jung:
Vielleicht mag es dem ein oder anderen wie Hohn erscheinen, aber was ich in dem Buch „Frau C. hat MS“ der Autorin Claudia Hontschik sehe ist die Tatsache, dass Krankheit eine Gleichmacherin ist. Unabhängig von sozialem Status, Bildung oder finanzieller Situation versetzt die Erkrankung Frau Hontschik in einen emotionalen Ausnahmezustand, lässt sie an alten Lebensentwürfen zweifeln und konfrontiert sie ungeschönt mit der Realität einer Welt, in der Barrierefreiheit und/oder interessenskonfliktfreie medizinische Behandlung leider seltenst gegeben sind. Es geht wie bei vielen Betroffenen um Verlust, Verlust von Autonomie, Spontaneität, Kontrolle, und im Verlaufe des Buches wird deutlich, dass auch ihre privilegierte Lebenssituation diese nur im geringen Ausmaß kompensieren kann.

Und da sehe ich den Nutzen, den das Buch haben könnte. Nur 4% aller Behinderungen sind angeboren, 85% entstehen im Verlauf des Lebens durch Erkrankungen.[1]Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Kapitel 2.13.3 Ursachen für Behinderung [Gesundheit in Deutschland, 2015], URL: … Weiterlesen Lesende werden mit der Tatsache konfrontiert, dass sie selbst in so eine Situation geraten könnte, unabhängig von seiner finanziellen und sozialen Situation. Dadurch kann es zu einer Sensibilisierung für das Thema auch bei privilegierteren Lesenden kommen, Denkanstöße geben und im besten Fall motivieren sich für das Thema Inklusion einzusetzen. Nicht zuletzt ist Sichtbarmachung von Problemfeldern immer der erste Schritt in Richtung Veränderung.     

Quellen

Quellen
1 Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Kapitel 2.13.3 Ursachen für Behinderung [Gesundheit in Deutschland, 2015], URL: https://www.gbe-bund.de/gbe/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_aid=0&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstring=25426 [15.05.2021].

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